Freitag, 28. Mai 2010

Einfältig über die Vielfalt

In einem dreitägigen Workshop diskutierten Landwirte aus aller Herren Länder die zunehmende Industrialisierung des Saatguts. Ein Thema der unzähligen Diskussionsrunden war die sogenannte Hybridzüchtung, eine Erfindung der Gentechnikindustrie, welche die Bauern in ihrer Existenz gefährdet. Bei einer so ergebnislosen Diskussion wie dieser, brauchen sich die rein profitorientierten Saatgutkonzerne momentan aber keine Sorgen über ihre Zukunft machen.

Unter dem Motto „Let’s liberate diversity!“, also „Lasst und die Vielfältigkeit befreien!“ trafen sich Mitglieder der „Europäischen Saatgut-Initiativen“ zum insgesamt fünften Mal, erstmals in Österreich. Mit dem plakativen Slogan „Zukunft säen – Vielfalt ernten“, wird versucht, gegen das langsame Sterben des kleinbäuerlichen Saatgutanbaus anzukämpfen. Erklärter Feind ist die Europäische Union, die ein einheitliches Saatgutrecht anstrebt. Die Teilnehmer des Workshops sehen darin eine klare Bevorzugung der industriellen Saatgutproduktion und somit eine Zerstörung der Artenvielfalt. In einer Podiumsdiskussion versucht man selbiges aufzuzeigen. Durch ihre Unkoordiniertheit wie Langatmigkeit, wird es jedoch schwer eine Aufbruchstimmung zu erzeugen.

Terminator-Technologie als Bauern-Zerstörer

Fachvokabular, das für den Laien so gut wie gar nicht verständlich ist, bestimmt die Wortmeldungen der einzelnen Teilnehmer. Der Vortragende Gebhard Rossmanith spricht vom sogenannten „Terminator-Gen“, durch das „ein Zerstörungsgen in die Gemüsesorten kommt“. Was äußerst brutal anmutet, sei an dieser Stelle der Leserin und dem Leser, im Gegensatz zur Podiumsdiskussion dem Publikum, kurz erläutert. Die Terminator-Technologie ist eine Gentechnologie zur Einschränkung der Nutzung von Genen. Durch diesen genetischen Eingriff wird bewirkt, dass ein Same nur ein einziges Mal keimen kann, was wiederum bedeutet, dass Bauern Jahr für Jahr bei den Saatgutkonzernen neue Samen kaufen müssen. Rossmanith, selbst Teil der „Bingenheimer Saatgut AG“, die aber keine monetären, sondern viel mehr ökologische Grundgedanken hat, wie er selbst sagt, zeichnet ein Horrorszenario: „Diese Hybridsorten bevölkern den Markt und zerstören die hart arbeitenden Bauern“. Nur „die Entwicklung von biologisch-dynamischen Sorten“ könne das „notwendige Auskommen der Bauern“ sichern, redet sich der der knapp 40-Jährige in prägnanter hochdeutscher Aussprache in Rage.

Profitgier oder Kulturschutz?

Ob die „Bingenheimer Saatgut AG“ wirklich für Kulturförderung eintritt, geht nicht klar hervor. Der Status einer Aktiengesellschaft erzeugt auf jeden Fall eine schiefe Optik. „Die AG ist eine Stiftung für Bauern, Gemeinschaft und Behinderte. Sie ist nicht käuflich. Weder die Inhaber noch die Aktionäre sind profitorientiert“, betont Rossmanith auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Firma. Weitere Erläuterungen zum Thema blieben aber aus, was einem älteren Herren aus der rar gesäten Zuhörerschar gar nicht passt: „Die Finanzierungsmethoden sind ein Witz. Um dieses Thema ordentlich behandeln zu können, bedarf es Reformen von größerer Durchsetzungskraft.“, schimpft er in Richtung Rossmanith der keinen weiteren Kommentar dazu von sich gab.

Ausblick ohne Veränderungen

Rückblickend lieferte diese Podiumsdiskussion zwar viele Fakten und Statistiken, konkrete Lösungsvorschläge zu den Problemen mit dem Gentechnik-Saatgut blieben aber aus. Bei solchen Ergebnissen wie nach dieser Diskussion, lässt sich über die Sinnhaftigkeit von solchen Saatgut-Conventions durchaus streiten. Zum öffentlichen Thema werden die aufgezeigten Probleme durch Auftritten wie jenem von Rossmanith wohl kaum. Die Lage wird sich somit auch nicht verbessern, denn aktuell sieht es so aus, als ob den Worten der Gentechnikkritiker sicherlich viele Worte folgen werden - aber keine Taten.

Weiterführende Bilder
Züchtungsprozess

Hier noch eine interessante Beitrag zum Terminator-Gen:



redigiert von Andreas Terler (Original von Robert Fröwein "Biodiversität im Fadenkreuz der EU")

Bio? Nein danke!

VON KATHARINA ROBIA (REDIGIERT VON MARIO RUBENZER)

Christoph Jäger jagt keine Pilze, auch wenn sein Spitzname „Pilzjäger“ das vermuten lässt. Er züchtet sie nur. Und damit möglichst viele Menschen davon erfahren, betreibt er einen Stand beim
5. Internationalen Treffen der Europäischen Saatgut-Initiativen
, das heuer in seiner Heimatstadt Graz stattfindet.


"Ich zücht die Pilze nach Lust und Laune. Wie's mir gerade passt!"
Champignons züchtet der selbst ernannte Pilzjäger keine. Die seien langweilig, weil man sie ja ohnehin überall kaufen könne. Stattdessen widmet er sich anderen Sorten, zum Beispiel den Shiitake, Austernpilzen und verschiedenen Seitlingen, mit denen er kleinere Gastronomiebetriebe beliefert. Außerdem ist er jeden Samstag am Bauernmarkt am Lendplatz in Graz anzutreffen, wo er Schwammerlfreunden seine Pilze zum Kauf anbietet.

"Natürlich sind das keine Bio-Pilze!"
Zu Bio-Produkten sagt Jäger lieber: "Nein, danke!" Er hält den momentanen Bio-Trend für eine Schikane für die Industrie. "Wenn da a Schwammal aus China kummen, kann no imma 'Bio' draufstehen". Deshalb bezeichnet er seine Produkte lieber als natürlich, statt biologisch.

"Die Stollen im Schlossberg wär'n ideal zum Pilzezüchten"
Wenn alles nach Plan läuft, kann Christoph Jäger seine Pilze bald schon in den
Grazer Schlossbergstollen ernten. Dort gibt es ein natürliches Klima, ideal für den Wachstum der Schwammerl. Und um dieses Klima aufrecht zu erhalten, müsste auch keine Energie verwendet werden. Obwohl viele der alten Stollen leer stehen, ist es noch ungewiss, ob Jäger die Erlaubnis bekommt. "Des is ein wahnsinnig großer Bürokratie-Aufwand."

"Do It Yourself"-Pilze
Schmackhafte Schwammerl und Pilze kann man auch selber züchten. Jäger empfiehlt Anfänger vor allem Braunkappen, denn die "schofft jeder. Des is richtig afoch." Der 30-l-Sack mit Braunkappenmyzell kostet um die 30 Euro. Damit kann man etwa fünf Jahre lang jeden Sommer und Herbst die Pilze ernten.














Diese Säcke werden einfach aufgeschnitten und auf ca. einem Quadratmeter Erde verstreut. Wer keinen Garten hat, kann den Sack aufschneiden, im Wasser tränken und an einen hellen Platz in der Wohnung stellen. "Bei mir daham seht so a Sackl auf'm Wohnzimmatisch. I waß eh, ein bissl freakig bin ich schon", lacht der "Pilzjäger".

Und wenn bei der Zucht alles gut läuft, sieht es folgendermaßen aus:


Linda in aller Munde

Wie eine Kartoffel vom Aussterben gerettet wurde und diese Aktion Nachahmer sucht.

VON BRITTA FUCHS. REDIGIERT VON SARA GEISLER.
Linda ist goldgelb, aromatisch, beliebt und... berühmt. Linda ist eine Kartoffel. „Die Königin der Kartoffeln“ sogar, wie manche finden. Alles lief gut für Linda, doch dann nahte Unheil. Der Kartoffelzuchtkonzern Europlant wollte Linda vom Markt nehmen, um mit anderen Sorten mehr Geld zu verdienen. Das allerdings wollten die Fans von Linda ganz und gar nicht. Sie beantragten die Wiederzulassung beim deutschen Bundessortenamt. Sie gründeten den Freundeskreis „Rettet die Linda“, schrieben das Buch „Liebe Linda, Hommage an die beste Kartoffel der Welt" und kämpften dafür, dass Linda nicht „aus unseren Töpfen, Bratpfannen, von unseren Tellern verschwindet“. Die bescheidene Linda wurde zum Star. Promis outeten sich als Fans, Medien erzählten ihre Geschichte.Der Einsatz hat sich gelohnt. Linda ist wieder in aller Munde.












Ein Kampf nicht nur für den guten Geschmack

Der Fall Linda machte auf eine Problematik aufmerksam, welche immer noch unbeachtet ist: Der Verlust der biologischen Vielfalt.
Unter dem Motto:
Let’s liberate diversity! findet heuer das 5. Treffen der europäischen Saatgut-Initiativen in Graz statt. Engagierte Bauern, Gärtner und Genießer treffen sich zur Diskussion und versuchen, die Augen der Öffentlichkeit auf dieses Thema zu lenken.
Diskutiert werden u.a. die Revision des europäischen
Saatgutverkehrsrechts. Durch die Änderung des Gesetztes soll ein europaweit einheitliches Saatgut verabschiedet werden. Ursprünglich, um Bürokratie abzubauen. Doch große Konzerne erhoffen sich noch viel mehr davon: Sie wollen ihre Monopolstellung weiter ausbauen. Anhand von Patentrechten und Hybridtechnik wäre dies ein Leichtes. Für viele Bauern und die biologische Vielfalt könnte genau das den Ruin bedeuteten - das Saatgut großer Firmen benötigt nämlich spezielle chemische Dünger, teure Pestizide, etc.


Monopolstellung von Saatgutfirmen in Asien - Auswirkung und Ausweg


„Zukunft Säen - Vielfalt Ernten“

Um nicht noch weiter in die Abhängigkeit von Saatgutfirmen zu geraten, organisieren sich jetzt Betroffene. Viele wollen weiterhin selber Saatgut produzieren, anbauen und tauschen dürfen.

Im Grazer Augarten haben sich deshalb Gärtnereien, Bauern und private Liebhaber versammelt und ihre Stände aufgebaut. Am Markt der Vielfalt verkaufen und tauschen sie altes und seltenes Saatgut sowie Jungpflanzen. Es gibt Infostände, ein Kinderprogramm und Kulinarisches aus der Region. Die Vielfalt des Angebotes ist groß. Genau so solle es sein, freuen sich die Käufer.


David gegen Goliath - mit Einkaufswagen und Spaten

Kann ein Einzelner überhaupt etwas für den Erhalt der biologischen Vielfalt tun? Ja, Natürlich. Jeder kann beim Einkaufen darauf achten, dass Bioprodukte im Einkaufswagen landen, selber anpflanzen und auch leicht Saatgut vermehren, wie Maria Hagmann von der Arche Noah anschaulich an einer Tomate vorführt. „Gegen die EU werden wir uns nicht wehren können“, meint Barbara Hauszer von der Bio Ernte Steiermark, „aber wir können den Menschen zeigen, was es für Alternativen gibt. Je mehr Leute diese Alternativen wahrnehmen, Saatgut kaufen und das auch wieder vermehren, desto besser“.

Das Treffen der Saatgut-Initiativen soll Bewusstsein für Vielfalt schaffen. Dass aus diesem Bewusstsein tatsächlich Initiative, Aktion und Erfolg sprossen kann, zeigt das Beispiel „Linda“ sehr gut.

Paradeisers Paradies

Saatgutinitiativen kämpfen für die bedrohte Pflanzenvielfalt. Dass man auch unpolitisch, unorganisiert und dennoch erfolgreich Saatgut schützen kann, beweisen Hobbygärtner.
VON SARA GEISLER, REDIGIERT VON BRITTA FUCHS


Ein Zeigefinger bohrt seinen Weg in eine Kirschtomate. Er wühlt herum und befreit ein Häufchen glitschiger Samen aus ihrem roten Haus. Was für die einen wie eine unappetitliche Patzerei aussieht, ist für Maria Hagmann eine Rettungsaktion. Tatkräftiges Engagement für die Rettung der Artenvielfalt, eine Tomaten-Heldentat.

Maria Hagmann gewinnt und archiviert Samen für die „Arche Noah“, eine Gesellschaft für die Erhaltung und Entwicklung der Kulturpflanzenvielfalt. Sie tut das nicht weil sie so gerne in Tomaten rumbohrt, sondern aus der Überzeugung, ihren Teil für die Fauna und alle Genussmenschen zu tun. Warum sie die Samen nicht einfach in der Tomate lassen will und sich mit der Gemüseauswahl beim Interspar zufrieden geben kann, hat einen Grund.

Das neue Saatgutrecht
Im Laufe dieses Jahres will die EU ein europaweit einheitliches Saatugtrecht veraschieden. Unter dem Namen „Better Regulation“ soll Bürokratie abgebaut werden. Saatgutkonzerne könnten die Änderungen des Rechts jedoch nutzen, um ihre Macht auszuweiten und Saatgut privatrechtlich (Patentrechte) und technisch (Hybridtechnik) weiter zu monopolisieren.


Die Angst der Bauern und Gärtner
Für die Landwirtschaft hätte diese Entwicklung horrende Folgen: Der nichtkommerzielle Zugang zu Saatgut, der Tausch und die Verwendung von eigener Saat wären gefährdet. Um Obst- und Gemüsesorten vor ihrem Aussterben zu schützen (75% der Vielfalt sind laut FAO bereits verloren gegangen), müssen wir „essen, was wir retten wollen“, so heißt es auf dem 5. Treffen der europäischen Saatgutinitiativen in Graz. Unter dem Motto „Let’s liberate diversity!“ versucht die Bewegung für das Recht, Saatgut zu säen, zu tauschen und zu verkaufen, einzutreten.

Aus eins mach zwei. Und drei und vier und fünf...
Manche wollen sich aber nicht auf der Saatgutkampagne ausruhen, sondern die eigenen Hände schmutzig machen. Wie man als Einzelperson helfen kann, nämlich in dem man selbst Saatgut vermehrt, zeigt Maria Hagmann in fünf Schritten:
  1. Samen aus der Frucht entfernen.
  2. Samen in einen mit Wasser befüllten Behälter geben (Marmeladeglas) und schütteln.
  3. Ein bis zwei Tage warten.
  4. Die Gelschicht rund um den Samen löst sich, die Fruchtanteile und „blinde“ Samen tauchen auf und werden abgesiebt.
  5. 5. Die „guten“ Samen durch ein Sieb auffangen, in einem beschrifteten Kaffeefilter zum Trocknen (1-2 Tage) aufhängen. Fertig!

Es wäre so leicht
Alte Sorten zu erhalten scheint einfacher zu sein als eine Steuererklärung. Zumindest, wenn Artenvielfalt für jeden ein Anliegen wäre. Das Jahr 2010 wurde zum internationalen Jahr der Biodiversität erklärt. Einerseits um die Aufmerksamkeit auf Problematiken wie das einheitliche Saatgutrecht zu lenken, andererseits um zu erreichen, dass Menschen beim Wort Biodiversität nicht länger nichtwissend die Stirn runzeln. Initiatoren erhoffen sich, dass mehr Menschen Bescheid wissen: über die Wichtigkeit dieses Wortes und den zahlreichen Initiativen, Aktivitäten, und Kampagnen, die dahinter stehen. Dann hätte Maria Hagmann vielleicht jemanden, mit dem sie über das einfältige Gemüseangbot beim Interspar diskutieren könnte, während sie genussvoll mit dem Zeigefinger in eine Kirschtomate bohrt und ein Häufchen glitschiger Samen aus ihrem roten Haus befreit.


ZUSÄTZLICHE INFO:

Percy Schmeiser
Der kanadische Farmer Percy Schmeiser, seit 40 Jahren auf Zucht und Anbau von Raps spezialisiert, wurde vom Saatgutkonzern Monsanto wegen Patentverletzung verklagt. Gentechnisch veränderte Samen von Monsanto waren, vom Winde verweht, auf Schmeisers Feldern gelandet. Schmeiser lies die Klage nicht auf sich sitzen und ging vor Gericht. Nach 10 Jahren Kampf gegen Monsanto gewinnt Percy Schmeiser nicht nur den Prozess, sondern gemeinsam mit seiner Ehefrau auch den Alternativen Nobelpreis.
Der Film David gegen Monsanto erzählt „David“ Schmeisers Geschichte

Über Samen als Jonglierbälle und die EU auf Stelzen

Unter dem Motto „Let’s liberate diversity“ findet in Graz vom 25.-27. März 2010 eine internationale Konferenz zum Thema Saatgut statt. Diskussionen, Arbeitsgruppen, Demos und ein Theaterstück bilden den Rahmen des Treffens.

VON CHRISTINE DRECHSLER. REDIGIERT VON MARKUS HASENBERGER.

Graz ist zur Zeit Schauplatz der „Let’s liberate diversity“ – Konferenz. Mit „diversity“ ist hier die Vielfalt von Saatgut gemeint, die, so meinen KritikerInnen, durch neue EU-Richtlinien bedroht wird. 160 TeilnehmerInnen aus 18 Ländern tauschen hier Samen, Pflanzen, Bücher und Ideen aus.

Jubel, Demonstration und "Markt der Vielfalt"

Teil der Konferenz sind zahlreiche Podiumsdiskussionen, Workshops, Arbeitsgruppen, Demos, ein Theaterstück und der „Markt der Vielfalt“ im Grazer Augarten. Dort wird die Problematik besprochen und klare Forderungen an die EU formuliert. Kern der Forderungen ist das Recht, Saatgut aus eigener Ernte zu gewinnen, nachzubauen, weiterzugeben und zu verkaufen.

15 Uhr - Manege frei

Das Straßen- und Stelzentheater Compagnie MaiMun aus Frankreich führt im Innenhof des Grazer Volkshauses ein Theaterstück vom Säen bis zum Ernten von Pflanzen vor.Eine menschenähnliche Sonne aus Pappmaschee mit riesigen baumelnden Händen dient als Bühnenbild. Um die sechzig Menschen sitzen, stehen oder hocken gedrängt in einem winzigen Innenhof und beobachten das Geschehen vor ihnen. Vier junge, bunt gekleidete Menschen pantomimisieren die Freuden, vor allem aber Leiden eines Bauern.

Bäurinnen mit roten Nasen

An Kreativität mangelt es den jungen französischen KünstlerInnen nicht: Dargestellt werden die Samen mit Jonglierbällen, die „böse“ EU riesig auf Stelzen und die „guten“ Bäuerinnen und Bauern mit süßen, roten Nasen. Die ZuseherInnen leben mit dem Theaterstück mit, finden sie doch ihre eigenen Probleme darin wieder, und bekunden ihre Zustimmung und Begeisterung mit Jubel und Geklatsche.



15:30 Uhr - Aktivismus hier, Samenbörse da

Durch die Grazer Innenstadt ziehend machen die SaatgutaktivistInnen mit Plakaten, Sprechgesängen und Musik im Rahmen einer Demonstration auf ihr Problem aufmerksam.

Von solch großem Aktivismus ist im nahe gelegenen Augarten, am „Markt der Vielfalt“ wenig zu spüren. Friedlich und fröhlich bieten Bäuerinnen und Bauern von nah und fern Samen, Pflanzen, Gemüse, selbst produzierte Produkte und Bücher zum Thema Saatgut an. Man fühlt sich eher wie auf einem Bauernmarkt. Ein Pavillon ist das Zentrum des Marktes.

Wir sehen uns nächstes Jahr

In ihm bietet ein junger, alternativ gekleideter Mann Informationsbroschüren zu den Themen Saatgut und EU an. Neben ihm steht ein großer Tisch mit dem Schild „Samenbörse“. Hier können Samen getauscht oder auch einfach entnommen werden, um so die Saatgutvielfalt zu erhalten. Ein kleiner Zettel am Rande des Tisches wird allerdings leicht übersehen: Die Tauschenden, vor allem aber die Beschenkten werden gebeten ihre neu gezüchteten Samen im nächsten Jahr mitzubringen und weiterzutauschen oder -verschenken.

"Meine Familie hat schon immer gewusst, dass ich spinn"

Buntes Treiben und barfüßige Besucher: Über 30 private und hauptberufliche Gärtner und Bauern lockten am 26. März zum ersten "Markt der Vielfalt" in den Grazer Augarten. Mitten drin eine Jungbäuerin, die sich mit ihrem eigenen Hof auf 950 Metern Seehöhe einen Kindheitstraum erfüllt hat.
von Johanna Zweiger. Redigiert von Max Daublebsky.

Das Angebot reichte vom Biohanfbier bis zur steirischen Erdäpfelwurst und bei den Besuchern war vom Althippie bis zum Anzugträger alles vertreten.
Inmitten dieser bunten Ansammlung hatte auch Kerstin Reichmann ihren Stand. Zusammen mit Arche Austria, einem Verein zur Erhaltung seltener Nutztierrassen, bei dem sie auch Mitglied ist.

Kindheitstraum

Die 25-jährige Jungbäuerin hat sich im Jahr 2004 mit ihrem auf 950 Metern gelegenen Gössler-Hof selbstständig gemacht und sich damit einen Kindheitstraum erfüllt: "Ich wollte immer schon meinen eigenen Bauernhof am Berg haben." Wie ihr Umfeld darauf reagierte? "Meine Familie hat immer schon gewusst, dass ich spinn`. Die Leute waren anfangs schon skeptisch, auch weil ich eine 'Zuagroaste' bin - aber inzwischen bekomme ich immer mehr Anerkennung.
Ihren Hof führt Reichmann zusammen mit ihrem Lebensgefährten. Das vielfältige Angebot reicht von der Hütehundeausbildung bis zur Tierpension. Zu Kaufen gibt es Fälle sowie das Fleisch des Krainer Steinschafs - einer seltenen Nutztierart. So nutzt sie den "Markt der Vielfalt" auch, um neue Kundschaft zu gewinnen.

Hintergrund

Reichmanns Überzeugungen stimmen aber auch mit dem eigentlichen Hintergrund des Marktes überein: dem fünften Treffen der europäischen Saatgutinitiativen, das vom 25. bis 27. März in Graz stattfindet. Unter dem Motto "Zukunft säen - Vielfalt ernten", soll hier das Recht der Bauern verteidigt werden, ihr eigenes Saatgut verwenden zu dürfen. Über 30 Teilnehmer wie etwa Global 2000 oder Arche Noah, wollen verhindern einige wenige Saatgutkonzerne (Monsanto) noch mächtiger werden zu lassen. Deren Ziel ist es, die Vielfalt des heute bestehenden Saatgutes einzuschränken, und nur noch einige wenige von ihnen kontrollierte Sorten anzubieten.

Konzentration im Saatgutgeschäft

Dies widerspricht auch der Ideologie der jungen Bergbäurin, die sich nicht ohne Grund auf seltene Nutztiere spezialisiert hat und damit von Artenvielfalt abhängig ist: auf einer Seehöhe von 950 Metern braucht man diese seltenen Tiere, die mit den dortigen Ressourcen zurechtkommen und widerstandsfähig sind. Neben Schafen und Hunden findet man auf dem Gössler-Hof noch Hausesel, Mangalitza-Schweine und einen Shagya Araber.

Einsamkeit

Neben ihrer Arbeit als Bäuerin geht Reichmann einem zweiten, ihrem Alter wohl eher entsprechendes Betätigungsfeld nach: Sie betreut verschiedene Websites, wie etwa www.asds.at oder die Homepage ihres eigenen Hofes. Dies stellt für sie wohl auch ein Fenster in die Welt dar. Denn abschließend sagt Reichmann mit traurigem Unterton, dass man auf einem Bergbauernhof grundsätzlich natürlich einsam lebe und damit zurechtkommen müsse keine Nachbarn zu haben. Obwohl sie nicht vergisst hinzuzufügen, ihre Entscheidung nie bereut haben.

Normal ist, was bunt ist


Für die Mitglieder des Hofkollektivs „WIESERHOISL“ ist es selbstverständlich, Tag und Nacht gemeinsam für die Vielfalt der Arten zu leben und zu arbeiten.


VON HENRIC WIETHEGER. REDIGIERT VON JOHANNA ZWEIGER.













Buntes Gemüse und ... Wietheger

Zerzaustes Haar, bequeme Regenbogen-Kleidung und ein Lächeln auf dem Gesicht. „Wer bestimmt, was normal ist?“ Die 30-jährige Katrin Schickengruber strahlt Selbstbewusstsein aus. „Sind Teenies normal, die durch Kaufhäuser rennen und das Gefühl haben irgendeinen Scheißdreck kaufen zu müssen?“ Entspannt kratzt sich die Landschaftsplanungs-Studentin am Hinterkopf. Sie weiß genau, was sie darstellt und wofür sie steht. Was andere von ihr und ihren Überzeugungen denken, ist ihr egal.














... bunte Menschen (hier beim "Markt der Vielfalt" im Grazer Augarten). Wietheger

Von der Überzeugung zum Hofkollektiv


Die verschwenderisch machtgeile Art, wie einflussreiche Konzerne (z.B. Monsanto oder DuPont) lebensnotwendige Ressourcen erschöpfen und so der Erhaltung vieler verschiedener Arten im Weg stehen, seien ihr schon seit Studienzeiten ein Dorn im Auge. Gemeinsam mit anderen engagierten Landschaftsplanungs-Studierenden mobilisierte sie sich damals in einem Kulturverein, um ein Zeichen für Artenvielfalt zu setzen. Im Kreise bunter Gleichgesinnter entstand bald die Idee eines alternativen Lebenskonzepts im Kollektiv. Nach dem Motto „ein Hof für alle und alle für einen Hof“ kamen so einige Gartengräber-Musketiere zusammen, um für die gemeinsame Sache zu kämpfen – die Hofgemeinschaft „Wieserhoisl“ war geboren.














Das „Wieserhoisl“ wagt die ersten Pinselstriche – bunt, bunt, bunt

Heute leben neun Erwachsene und drei Kinder im „Wieserhoisl“ in der Südweststeiermark. Gemeinsam kultivieren sie zwei Hektar Streuobstwiesen, drei Hektar Wald und einen großen Gemüsegarten. Sie leben, essen und arbeiten gemeinsam, organisieren und versorgen sich selbst. All das tun sie lohnunabhängig. Sie setzen so auf zweifache Art und Weise ein Zeichen für Artenvielfalt. Einerseits halten sie der den Spiegel vor: „Wir wollen den Leuten zeigen, dass man auch anders, nämlich in einer Gemeinschaft leben kann“, sagt Katrin und streift sich eine lockige Strähne aus dem Gesicht. Andererseits säen sie dem verwöhnten Otto Normalverbraucher größtenteils unbekannte Gemüse- und Obstsorten und tragen so zur Erhaltung alter und seltener Sorten bei.







Der Farbenkreis schließt sich


Kati scheint rundum zufrieden damit zu sein, dass sie mit ihrer Arbeit nicht reich wird, sondern Sinn stiftet. „Wir arbeiten ja nicht nur für buntes altes Gemüse, sondern für bunte Menschen.“ Mit dem zuversichtlichen Lächeln auf ihrem Gesicht schließt sich der Farbenkreis. Für die eingeschworene kleine "Wieserhoisl"- Gemeinschaft ist normal, was bunt ist.